Einleitung: Das Betriebssystem des Webs
Wenn wir über die Infrastruktur des modernen Internets sprechen, denken wir oft an Glasfaserkabel, riesige Rechenzentren oder Satellitenkonstellationen wie Starlink. Doch auf der Software-Ebene gibt es einen Giganten, der still und leise fast die Hälfte des Webs antreibt: WordPress.
Mit einem Marktanteil von über 43% aller Websites weltweit ist WordPress längst kein einfaches Blogging-Tool mehr. Es ist das faktische Betriebssystem des Internets. Von kleinen Bäckereien über DAX-Konzerne bis hin zum Weißen Haus – sie alle vertrauen auf dieses Open-Source-Ökosystem. Aber wie konnte ein kleines Projekt, das von zwei Enthusiasten in ihrer Freizeit gestartet wurde, zu einer solchen Dominanz gelangen?
In diesem Artikel zeichnen wir die faszinierende Reise von WordPress nach. Wir beleuchten die technischen Meilensteine, die strategischen Entscheidungen und die Krisen, die die Plattform geformt haben. Für Sie als IT-Entscheider und Geschäftsführer ist diese Historie mehr als nur Nostalgie – sie ist der Schlüssel zum Verständnis, warum Open Source oft proprietäre Software schlägt und warum WordPress auch in der Ära von KI und Headless CMS relevant bleibt.
Kapitel 1: Der Fork, der alles veränderte (2001-2003)
Das Ende von b2/cafelog
Die Geschichte beginnt eigentlich nicht mit WordPress, sondern mit einer Software namens b2/cafelog. Michel Valdrighi entwickelte diese Blogging-Plattform Anfang der 2000er Jahre. Einer der Nutzer war ein junger Student namens Matt Mullenweg, der b2 nutzte, um Fotos seiner Reise nach Washington D.C. zu teilen. Ein anderer war Mike Little, ein erfahrener Entwickler aus England.
Im Jahr 2003 verschwand Valdrighi plötzlich von der Bildfläche. Die Entwicklung von b2 stoppte. Matt Mullenweg stand vor einem Problem: Er hatte eine Plattform, die er liebte, die aber keine Zukunft mehr hatte. In seinem Blog schrieb er darüber, die Software zu "forken" (abzuspalten) und weiterzuentwickeln. Mike Little kommentierte schlicht: "If you're serious about forking b2, I'm interested."
Die Geburt von WordPress 0.7
Am 27. Mai 2003 veröffentlichten die beiden die erste Version von WordPress. Der Name wurde von Matts Freundin Christine Tremoulet vorgeschlagen. Es war noch weit entfernt von dem System, das wir heute kennen, aber die Philosophie war bereits da: Einfachheit, Erweiterbarkeit und die Lizenzierung unter der GPL (General Public License), die garantierte, dass die Software für immer frei bleiben würde.
Tech-Fact: Der LAMP-Stack
WordPress setzte von Anfang an auf den LAMP-Stack (Linux, Apache, MySQL, PHP). Diese Entscheidung war goldrichtig, da diese Technologien günstig, weit verbreitet und auf fast jedem Webhosting-Paket verfügbar waren. Dies senkte die Einstiegshürde massiv.
Kapitel 2: Der Aufstieg durch Plugins und Themes (2004-2009)
Der vielleicht wichtigste strategische Schritt in der Geschichte von WordPress war die Einführung der Plugin-Architektur in Version 1.2 (Codename "Mingus") im Jahr 2004.
Plugins: Die Demokratisierung der Funktionalität
Vor WordPress musste man, um eine Funktion auf einer Webseite hinzuzufügen, tief in den Kerncode eingreifen. Mit der Plugin-API änderte sich das radikal. Entwickler konnten Erweiterungen schreiben, die Nutzer einfach "einstöpseln" konnten. Ryan Boren, einer der ersten Lead Developer, war maßgeblich an diesem System beteiligt. Plötzlich konnte jeder SEO-Tools, Kontaktformulare oder Spamschutz (wie das berühmte Akismet) installieren, ohne eine Zeile Code zu schreiben.
Themes und der "Kubrick"-Look
2005 folgte mit Version 1.5 ("Strayhorn") das Theme-System. Bis dahin war das Design fest mit dem Code verdrahtet. Nun konnten Nutzer das Aussehen ihrer Seite mit einem Klick komplett verändern, ohne den Inhalt zu verlieren. Das Standard-Theme "Kubrick" mit seinem blauen Header prägte jahrelang das Bild des "typischen Blogs".
"Code is Poetry." – Dieser Slogan im Footer jeder WordPress-Installation wurde zum Symbol für den Anspruch, nicht nur funktionale, sondern auch elegante Software zu schreiben.
Kapitel 3: Vom Blog zum CMS (2010-2015)
Bis 2010 galt WordPress primär als Blogging-Software. Wer eine "richtige" Unternehmenswebsite bauen wollte, griff zu Joomla! oder Typo3. Das änderte sich mit Version 3.0 ("Thelonious").
Custom Post Types: Der Gamechanger
Die Einführung von Custom Post Types (CPT) war der Moment, in dem WordPress erwachsen wurde. Bisher kannte das System nur "Beiträge" (für den Blog) und "Seiten" (für statische Inhalte). Mit CPTs konnten Entwickler plötzlich alles definieren: "Produkte", "Immobilien", "Mitarbeiter", "Events".
Warum das für Ihr Business wichtig war:
Dies ermöglichte es Agenturen, komplexe Unternehmensanwendungen auf Basis von WordPress zu bauen.
Ein Online-Shop (WooCommerce startete 2011) ist technisch gesehen nichts anderes als eine Sammlung
von "Produkt"-CPTs. WordPress war nun ein vollwertiges Content Management System (CMS).
Die Ära der Page Builder
Da WordPress nun für komplexe Layouts genutzt wurde, reichte der einfache Text-Editor nicht mehr aus. Der Markt antwortete mit Page Buildern wie Visual Composer, Divi und später Elementor. Sie erlaubten es Marketing-Teams, per Drag-and-Drop komplexe Landingpages zu bauen, ohne auf die IT-Abteilung warten zu müssen. Dies beschleunigte die Adoptionsrate im Mittelstand enorm.
Kapitel 4: Die REST API und die Modernisierung (2015-2017)
Während WordPress im Frontend dominierte, veränderte sich die Welt der Webentwicklung rasant. JavaScript-Frameworks wie React und Vue.js wurden populär. Apps mussten dynamischer werden. Das klassische PHP-Rendering, bei dem bei jedem Klick die ganze Seite neu geladen wird, wirkte altbacken.
Öffnung für die Welt
Die Integration der REST API in den Core (Version 4.7, 2016) war die Antwort darauf. Die API verwandelte WordPress von einer in sich geschlossenen Anwendung in eine offene Datenquelle.
- Mobile Apps können Inhalte aus WordPress ziehen.
- Externe Systeme (z.B. ERPs oder CRMs) können Produkte in einen WooCommerce-Shop pushen.
- Frontend-Entwickler können moderne React-Oberflächen bauen, die WordPress nur noch als "Headless CMS" im Hintergrund nutzen.
Fallstudie: Headless WordPress
Große Medienhäuser nutzen oft "Headless WordPress". Die Redakteure arbeiten im gewohnten WordPress-Backend, aber das Frontend, das der Leser sieht, ist eine hochperformante React-Anwendung. So kombiniert man den Komfort für die Autoren mit der Geschwindigkeit moderner Webtechnologien.
Kapitel 5: Gutenberg und die Block-Revolution (2018-Heute)
Der große Bruch: Version 5.0
Ende 2018 wagte Matt Mullenweg den vielleicht riskantesten Schritt in der Geschichte des Projekts. Er ersetzte den klassischen Editor (TinyMCE) durch einen völlig neuen, blockbasierten Editor mit dem Codenamen Gutenberg.
Die Community war gespalten. Viele hassten die Änderung, da sie gewohnte Workflows brach. Doch die Vision war klar: In einer Welt von Wix, Squarespace und Medium musste WordPress eine modernere Editing-Erfahrung bieten. "Alles ist ein Block" – ein Absatz, ein Bild, ein Zitat, ein Button.
Full Site Editing (FSE)
Gutenberg war nur der Anfang. Seit 2022 (Version 5.9) erstreckt sich das Block-Konzept auf die gesamte Website. Mit "Full Site Editing" können Nutzer nun auch Header, Footer und Menüs im Editor bearbeiten. Themes sind keine starren PHP-Konstrukte mehr, sondern flexible Konfigurationsdateien (block themes).
Für KMUs bedeutet das: Anpassungen, für die früher ein Entwickler nötig war, können heute oft vom Marketing-Manager inhouse erledigt werden. Das senkt die Total Cost of Ownership (TCO) drastisch.
Kapitel 6: WordPress im Enterprise-Umfeld
Ein hartnäckiger Mythos hält sich bis heute: "WordPress ist nur für Blogs und kleine Seiten." Die Realität sieht anders aus.
- Skalierbarkeit: TechCrunch, Time.com, Disney und Sony Music laufen auf WordPress.
- Sicherheit: Ja, WordPress ist ein beliebtes Ziel für Hacker, weil es so verbreitet ist. Aber im Enterprise-Umfeld, geschützt durch Firewalls und managed Hosting, ist es so sicher wie jede proprietäre Lösung. 90% der Hacks betreffen veraltete Versionen oder unsichere Plugins, nicht den Core selbst.
- Ecosystem: Für fast jede Unternehmensanforderung gibt es eine Enterprise-Lösung. WooCommerce für E-Commerce, Yoast für SEO, WP Engine für Hosting.
Kapitel 7: Der Blick in die Zukunft – KI und Data Liberation
Automattic und die KI
WordPress integriert zunehmend KI-Funktionen. Tools wie Jetpack AI Assistant helfen beim Schreiben von Texten. In Zukunft werden wir sehen, wie KI ganze Layouts generiert oder Website-Strukturen basierend auf dem Nutzerverhalten optimiert.
Data Liberation
In einer Zeit, in der Plattformen wie X (Twitter) oder Reddit ihre APIs schließen und Daten monetarisieren, wird die offene Natur von WordPress noch wichtiger. Matt Mullenweg predigt das Konzept der "Data Liberation": Ein einfaches Umziehen der eigenen Daten von einem Host zum anderen. WordPress bleibt eines der wenigen Bollwerke des freien, offenen Webs.
Fazit: Investitionssicherheit durch Open Source
Die WordPress-Timeline zeigt eine bemerkenswerte Evolution. Von einem Nischen-Tool zu einer globalen Plattform, die ganze Industrien trägt. Für Sie als Geschäftsführer bedeutet das vor allem eines: Investitionssicherheit.
Wenn Sie heute auf WordPress setzen, setzen Sie auf:
- Eine Community von tausenden Entwicklern, die das System täglich verbessern.
- Ein Ökosystem, in dem Sie niemals in einem "Vendor Lock-in" gefangen sind.
- Eine Technologie, die bewiesen hat, dass sie sich über Jahrzehnte hinweg anpassen und neu erfinden kann.
Ist Ihr CMS bereit für die Zukunft?
Ob Enterprise-Migration, Headless-Architektur oder Performance-Optimierung Ihrer bestehenden WordPress-Instanz – Pragma-Code ist Ihr Partner für skalierbare Weblösungen.
Lassen Sie uns sprechenGlossar: Die wichtigsten Begriffe für Entscheider
CMS (Content Management System)
Eine Software zur gemeinschaftlichen Erstellung, Bearbeitung und Organisation von Inhalten (Text, Bild, Video) auf Webseiten.
Open Source
Software, deren Quelltext öffentlich zugänglich ist und von Dritten eingesehen, geändert und genutzt werden kann. Meist kostenlos und lizenzgebührenfrei.
Plugin
Ein Zusatzmodul, das die Funktionalität von WordPress erweitert, ohne den Kerncode zu verändern (z.B. für SEO, Sicherheit, E-Commerce).
Theme
Eine Sammlung von Dateien, die das visuelle Erscheinungsbild (Design) einer WordPress-Website bestimmt.
Headless CMS
Ein Ansatz, bei dem das CMS (Backend) vom Frontend (Kopf) getrennt ist. Inhalte werden über eine API an beliebige Ausgabegeräte (Web, App, Smartwatch) gesendet.
Gutenberg
Der moderne Block-Editor von WordPress, der 2018 eingeführt wurde und das Erstellen von komplexen Layouts ohne Code ermöglicht.
REST API
Eine Schnittstelle, die es externen Anwendungen ermöglicht, mit WordPress zu kommunizieren und Daten auszutauschen.
LAMP Stack
Die technologische Basis von WordPress: Linux (Betriebssystem), Apache (Webserver), MySQL (Datenbank), PHP (Programmiersprache).